· NWZ 2026

Wenn Handy, Uhr und Auto Hilfe holen

Fehlalarme durch Apps auf Smartphones, Smartwatches und Autos führen in der Göppinger Leitstelle zu Herausforderungen für die Mitarbeitenden. Doch die Technik leistet auch gute Arbeit.

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag für die Disponenten der Integrierten Leitstelle von DRK und Feuerwehr in Göppingen. Ein Auto setzt einen Notruf ab, doch keiner meldet sich, die Mitarbeitenden hören lediglich die Hupe. Sie versuchen, den Grund für den Notruf per Nachfrage herauszubekommen, erhalten aber keine Antwort. Wieder hupt jemand, dann ein Kinderlachen. Für die Disponenten eine herausfordernde Situation, in der sie so schnell wie möglich, die Lage einschätzen müssen. Befindet sich jemand in Gefahr? Oder handelt es sich um ein Versehen? Das Auto steht auf einem Wanderparkplatz im Schlater Wald.

Notrufe, die von vorinstallierten Handy-Apps oder in Autos ausgelöst werden, gehören zunehmend zum Alltag der Mitarbeitenden von DRK und Feuerwehr im Landkreis Göppingen. Im Fall des geschilderten „eCalls“ aus einem Auto lag kein Notfall vor. „Da bei einem eCall automatisch auch die Standortkoordinaten übermittelt werden, war die Örtlichkeit des Fahrzeugs bekannt, und es sollten standardmäßig Einsatzkräfte entsendet werden“, erzählt Peter Welsch, Leiter der Integrierten Leitstelle Göppingen für den Bereich Rettungsdienst. 

In diesem Fall wurden die Einsatzkräfte gerade fast schon alarmiert, als sich eine Person meldete. „Im aufklärenden Gespräch stellte sich heraus, dass es sich um die Mutter handelte, deren Kleinkind kurzzeitig im Auto unbeaufsichtigt war und welches die Zeit nutzte, um den Notruf kennenzulernen“, beschreibt Welsch weiter. Das eCall-System wählt eigentlich bei schweren Unfällen (etwa bei Airbagauslösung) selbstständig die 112, übermittelt Standort, Zeit und Fahrtrichtung an die Rettungsleitstelle und baut eine Sprechverbindung auf. Der Knopf kann jedoch auch manuell gedrückt werden.

Geräusche werden bewertet

Im Jahr 2025 dokumentierte die Göppinger Leitstelle rund 5600 eingehende Notrufe, die als unbeabsichtigt eingestuft wurden. Dazu gehören auch die sogenannten „Hosentaschenanrufe“ – also Fälle, in denen sich das Smartphone in der Tasche selbstständig entsperrt und der Notruf abgesetzt wird. „Diese machen ungefähr 15 Prozent aller eingehenden Notrufe im Jahr 2025 aus“, erklärt Peter Welsch weiter. Unter der Nummer 112 gingen im vergangenen Jahr 40.592 Notrufe ein.

Solche „Hosentaschen-Notrufe“ werden von den Leitstellen in der Regel wie echte Notrufe behandelt, sagt der Leitstellen-Leiter. „Die Mitarbeitenden versuchen zunächst, hörbare Hintergrundgeräusche wie Gespräche oder Motorengeräusche zu bewerten“, sagt Welsch. Lässt sich daran nicht erkennen, ob es sich um einen versehentlichen Notruf handelt, ruft die Leitstelle die Nummer sofort zurück, um zu klären, ob es sich um ein Versehen handelt. Er betont: „Sollte bei einem Rückruf niemand erreichbar sein oder zuvor bereits ein verdächtiges Geräusch im Notruf zu hören sein, geht die Leitstelle von einem realen Notfall aus und wird Einsatzkräfte entsenden.“

„Wir können solche Gespräche nicht einfach abbrechen“, sagt auch Sven Wirth, stellvertretender Göppinger Feuerwehrkommandant und Leiter der Integrierten Leitstelle für den Bereich Feuerwehr. Natürlich binde so ein Vorfall personelle Kapazitäten, aber die vier Disponenten, die tagsüber arbeiteten, gingen jedem Fall mit größter Sorgfalt nach, betont er.

Doch gibt es auch Beispiele, in denen die technischen Neuerungen geholfen haben? Auf manchen Smartphones oder Smartwatches ist eine Notruf-App installiert, die automatisiert den Notruf 112 wählt, etwa bei einem Sturz. Das Gerät registriert die Erschütterung. In einem Fall, der sich nahe des Alb-Fils-Klinikums in Göppingen ereignete, setzte die Smartwatch einer Fahrradfahrerin nach einem schweren Sturz einen automatischen Notruf ab. „Die Frau war zu diesem Zeitpunkt nicht ansprechbar und hätte daher den Notruf nicht selbst wählen können“, schildert Peter Welsch. Aufgrund der übermittelten Koordinaten der Uhr konnte die Leitstelle den Rettungsdienst ohne eine weitere Kommunikation an den Einsatzort entsenden und helfen.

In einem weiteren Fall alarmierte ein iPhone vor etwa zwei Jahren die Leitstelle, nachdem sich bei Maitis ein Mann in einem Auto überschlagen hatte und im Bachbett gelandet war. „Das Auto lag so, dass es zunächst nicht sichtbar war“, erzählt Sven Wirth. Der zuständige Disponent konnte sich glücklicherweise mit dem im Auto eingeklemmten Patienten unterhalten und die Einsatzkräfte losschicken. Die Technik helfe also durchaus in Einzelfällen.

Die beiden Profis geben auch Tipps zum richtigen Verhalten, sollte das Gerät sich plötzlich verselbstständigen. „Bei einem versehentlichen Notruf sollte auf keinen Fall einfach aufgelegt werden“, rät Peter Welsch. Man sollte immer mit den Disponenten reden. Am wichtigsten: „Ruhe bewahren, am Telefon bleiben und dem Mitarbeiter der Leitstelle kurz schildern, dass es sich um ein Versehen handelt“, lautet die Bitte des Leitstellen-Chefs für den Bereich Rettungsdienst. „Diese kurze Rückmeldung hilft uns, Ressourcen effizient zu verwenden, und verhindert unnötige Einsätze.“

Erst bei Missbrauch wird’s teuer

Doch wer bezahlt eigentlich dafür, wenn Einsatzkräfte ohne Not ausrücken? Ein einmaliger, erkennbar unbeabsichtigter Hosentaschenanruf (Handy wählt 112, Sturz, Shortcut oder Ähnliches) sei in der Regel weder vorsätzlich noch grob fahrlässig, beschreiben die beiden Leiter der Integrierten Leitstelle. Der Anrufer erhalte daher auch keine Rechnung. Diese werde eher ein Thema, wenn zum Beispiel wiederholt solche Anrufe passieren, trotz Hinweis keine Vorsorge getroffen wird oder wenn sich ein Missbrauchs-/Grobfahrlässigkeitsbild ergebe.

In der Vergangenheit machten Smartphone-Updates mehrmals den Helfern in der Integrierten Leitstelle das Leben schwer. Die Notruf-Funktionen arbeiten mit Sensoren, die bei Stürzen Alarm schlagen sollen. Es gab Zeiten, da häuften sich deswegen die Meldungen in der Leitstelle. Sven Wirth erinnert sich daran, wie vor etwa anderthalb Jahren jeder dritte Anruf einen Fehlalarm durch eine Handy-App darstellte. „Das bindet natürlich Kapazitäten“, sagt er. Denn um jeden Fehlanruf kümmern sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, während womöglich gerade ein echter Notfall die volle Aufmerksamkeit erfordert. Nach einem neuerlichen Update normalisierte sich die Lage wieder.

Leitstelle ist rund um die Uhr besetzt

Zahlen Die Integrierte Leitstelle im Landkreis Göppingen ist Schaltzentrale und Alarmierungsstelle für Notrufe unter der Rufnummer 112. Im Jahr 2025 gingen 132.712 Anrufe in der Leitstelle ein, daraus resultierten 65.445 Einsätze. Zu 2009 Einsätzen rückte die Feuerwehr aus, zu 27.174 der Rettungsdienst, davon 7196 Einsätze mit Notarzt. Die Leitstelle ist zugleich für die Krankentransportdisposition im Rettungsdienst verantwortlich und unter der Rufnummer 19222 erreichbar. Ebenso können Notrufe, die bei der Polizei auflaufen, zur Integrierten Leitstelle durchgestellt werden.

Besetzung Mit derzeit insgesamt 14 Disponenten im Feuerwehrbereich und 16 Disponenten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist die Wache seit dem 31. Dezember 2025 jeden Tag, also auch an Wochenenden sowie an Feier- und Brückentagen, rund um die Uhr besetzt. Der 24-Stunden-Dienst wird mit zwei Personen sichergestellt, die sich im Sechs-Stunden-Rhythmus bei der Besetzung des Einsatzleitplatzes abwechseln. Tagsüber übernehmen immer vier Einsatzkräfte den Disponenten-Dienst.

Hilfs-App Die Göppinger Leitstelle weist im Zusammenhang mit technischen Neuerungen, die helfen können, auf die Notruf-App „Corhelper“ hin. Ersthelfer, die sich in der Nähe zu einem Notfallort befinden, können von der Leitstelle etwa zu einer Reanimation entsendet werden, um die Zeit, die der Rettungsdienst bis zum Eintreffen benötigt, zu überbrücken und Erste Hilfe zu leisten. Hierfür kann sich jeder Helfer, der einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat, anmelden. Dieses System hat bereits einige Male geholfen, betont Peter Welsch.