· NWZ 2026

Ringen um jede Minute

Trotz steigendem Notrufaufkommen und vielen Bagatell-Fällen halten die Leitstelle und die Rettungsdienste im Kreis mit ausgeklügelten Systemen dagegen.

Es ist der Albtraum schlechthin: Man wird Zeuge eines lebensbedrohlichen medizinischen Notfalls, womöglich ist ein Angehöriger betroffen. Dann geht es um jede Sekunde. Vor allem bei Bewusstlosigkeit. „Der Herz-Kreislaufstillstand ist der schlimmste Fall in der Notfallmedizin“, sagt Andreas Bachmann, der Leiter des Rettungsdienstes beim DRK-Kreisverband. Die Integrierte Leitstelle der Feuerwehren und der Rettungsdienste ist die Schaltzentrale des Notfallsystems im Kreis. Im ersten Geschoss der Göppinger Hauptfeuerwache laufen – neben tausenden von Krankentransporten – mehr als 20.000 Notfallrettungen pro Jahr an. Tendenz steigend. Hier arbeiten die Disponenten rund um die Uhr daran, gerade in lebensgefährlichen Fällen im Kampf gegen die Uhr die Überlebenschance zu verbessern, berichtet Andreas Bachmann, der Leiter des Rettungsdienstes beim DRK. Unter anderem mit einem neuen System der sogenannten „Strukturierten Notfallabfrage“ (SNA). Dabei gehen die Notfall-Profis nach einem festgeschriebenen Fragenschema vor, um im Telefonat möglichst schnell zu erfahren, ob es sich um einen solchen lebensbedrohlichen Fall handelt. Ist der Patient ansprechbar? Atmet er? Nach zwei, drei Fragen soll feststehen, wenn einer der Notärzte des Alb-Fils-Klinikums in Bewegung gesetzt werden muss. Bachmann lobt die Zusammenarbeit mit den Notärzten. In anderen Fällen entscheiden die Leitstellen-Mitarbeiter, dass es reicht, die Besatzung eines Rettungswagens zu schicken. Oder dass der Bereitschaftsdienst der Hausärzte die richtige Anlaufstelle ist.

Um keine wertvolle Zeit verstreichen zu lassen, bis der Notarzt da ist, werden beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Stillständen recht häufig auch Angehörige oder Zeugen per Telefon für eine Reanimation angeleitet. „Eine Extremsituation“, wie Bachmann einräumt. Nicht nur für den betroffenen Helfer beim Patienten, sondern auch für die Leitstellen-Disponenten. Im Durchschnitt geschehe solch eine telefonisch angeleitete Reanimation im Landkreis alle drei Tage. Immer geht es darum, die sogenannte „therapiefreie Zeit“ so kurz wie möglich zu halten. Dazu trägt auch das etablierte System der „Helfer vor Ort“ bei. Außerdem haben viele Ersthelfer eine entsprechende App auf ihrem Handy installiert, mit der die Leitstelle sie an den Ort des Geschehens bitten kann. Mittlerweile gibt es 220 Defibrillatoren im Kreis, zu denen neuerdings dank moderner Technik jeder Leitstellendisponent auch Laien den Weg weisen kann.

Mehr Anrufe auf der 112
Natürlich sind nicht alle Fälle lebensbedrohlich. Kommen die Rettungsdienste durch die Vielzahl der Notrufe ans Limit? „Das Anrufverhalten hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert“, bestätigt Andreas Bachmann. Die Zahl der Meldungen über die 112 hat zugenommen, obwohl diese Nummer eigentlich für lebensbedrohliche Fälle gedacht ist, beispielsweise bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Atemnot, starken Schmerzen, schweren Verbrennungen oder stark blutenden Wunden. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Fälle ist der Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung da, der unter 116 117 zu erreichen ist. Hinter den höheren Fallzahlen in der Leitstelle stecke aber kein generell leichtfertiger Umgang der Bevölkerung mit dem Notrufsystem, sondern eher „systemimmanente Probleme“. Beispielsweise, wenn Anrufer auf der 116 117 nicht durchkommen. „Irgendwann wählen sie eben die 112“, sagt Bachmann und hat dafür auch Verständnis. „Da erreichen sie auf jeden Fall jemanden“.

Weitere Gründe, warum Notaufnahmen und Notfallsanitäter stärker in Anspruch genommen werden, seien die immer schwerer zu ergatternden Termine bei Fachärzten, oder der Wegfall von Hausbesuchen durch die Hausärzte, analysiert Bachmann. In Pflegeheimen tendiere das Personal ebenso dazu, vorsichtshalber die Notfallnummer zu wählen, weil sie rechtliche Sicherheit haben wollen, zeigt Bachmann auch hierfür Verständnis.

„Rettungsdienst steht gut da“
Dennoch sagt der 50-jährige Rettungsdienstleiter über das Notfallsystem im Landkreis: „Wir sind deutlich besser geworden“. Das bestätige auch das Deutsche Reanimationsregister und die Qualitätskontrolle im Rettungsdienst (SQR). Er ist überzeugt: „Der Rettungsdienst im Landkreis steht gut da, auch bei der Abdeckung“. Nachholbedarf gebe es im Bereich Mühlhausen, Wiesensteig, Gruibingen sowie Böhmenkirch. Darauf werde demnächst mit weiteren Fahrzeugstandorten reagiert. Sehr gut funktioniere auch die Zusammenarbeit mit den anderen Rettungsdienst- Organisationen im Landkreis: Johanniter, Malteser und ASB. „Das Verhältnis ist sehr gut“.

Die Vorgaben für die Fristen bis zum Eintreffen der Retter sind neuerdings flexibler. Bis vor kurzem galt für alle Notrufe die „Hilfsfrist“ von 15 Minuten. Jetzt wird mehr nach Dringlichkeit unterschieden. Für lebensbedrohliche Fälle wurde die Frist auf 12 Minuten reduziert. Sie heißt jetzt „Planungsfrist“. Für nicht bedrohliche Situationen hingegen ist die Frist erhöht worden. „Diese Differenzierung nach Schwere der Fälle ergibt auch Sinn“, sagt Andreas Bachmann. „Ich glaube, das ist das Modell der Zukunft“. Jedem soll geholfen werden, aber es müsse nach Prioritäten unterschieden werden. „Es ist jedenfalls keine Lösung, immer noch mehr Rettungswagen in der Fläche zu stationieren“, sagt der Rettungsdienstleiter. Das gehe schon aus Kostengründen nicht.